Zeitschaukel. Villa Ichon, Rainer Beßling, 14. Januar 2010

Wir alle sammeln, mehr oder weniger. Was treibt uns dazu?

Sammeln bedeutet Bewahren. Lebenswelten verändern sich immer schneller und häufiger im Laufe einer Biografie. Im Sammeln lässt sich Lebensgeschichte erhalten. Das Fotoarchiv belegt Phasen und Teile einer Persönlichkeit oder bietet Material für ein Puzzle, das man Identität nennen könnte. Unserem Gedächtnis allein trauen wir offenbar nicht. Wir brauchen für das Vergangene dingliche Belege.

Mancher Sammlungsfund ist der Ergebnis gezielter Suche. Vieles liegt zufällig am Weg. Mancher Zusammenhalt offenbart sich erst später. Eine Sammlung erzählt nicht nur etwas über die Dinge selbst, sondern dokumentiert auch die Entwicklung der  Sichtweisen und Empfindungswelten des Sammlers.

Wer viel sammelt, muss hin und wieder Ordnung schaffen. Dafür muss er ein System, eine Struktur finden. Er braucht Kriterien für die Ablage seiner Archivalien und Kategorien für den Zugriff. Er benötigt passendes Material für die Sicherung, Ort und Raum für die Lagerung. Er muss sich Gedanken um die Haltbarkeit machen. Dabei offenbart sich unter Umständen schon die Crux des Sammelns: Sind die Stücke eingeschlossen, liegt die Sammlung zu weit weg, könnte Musealisierung den einst vitalen Reiz und ursprünglichen Beachtungsimpuls töten. Liegt die Sammlung im Weg, bremst sie den Alltag aus.

In dieser Ausstellung, meine Damen und Herren, begegnen Sie Fundstücken, Sammelleidenschaft und ganz speziellen Aufbewahrungsverfahren. Und Sie sehen, dass sich in der sichtenden und ordnenden Zusammenführung von Objekten aus unterschiedlichen Lebensbereichen neue Betrachtungsebenen und Bedeutungsschichten ergeben. Korrespondenzen heben Dinge auf eine allegorische Ebene, das ideelle Bewahren kann dingfest gemacht werden, individuelle Perspektive und Lebensgeschichte fügen sich in eine allgemeinere Ordnung.

Doch der Reihe nach: Akkela Dienstbier ist da fündig geworden, wo viele passionierte Sammler und auch nicht wenige Künstler Recherche-Treffer landen oder fruchtbare Zufallsanregungen verbuchen: auf dem Flohmarkt. Sie hat eine Schachtel mit Fotografien von Bremer Motiven aus dem frühen  20. Jahrhunderts entdeckt.

Zum Beispiel das Bild mit dem mehrdeutigen Titel „Im Fluss“: Eine unbekannte Person auf einem Boot, sicher längst verstorben, daneben der Ausschnitt einer Karte wie eine Rekonstruktion früherer Wege dieses Menschen, oder wie ein Lageplan für das Fundstück, dazu Samen des Silberpfennigs. Alles mit Linien gesäumt und eingeschweißt. Eine ferne Welt in vergilbtem Schwarz-Weiß. Der Ortskundige wird manche Plätze vielleicht erkennen und Veränderungen realisieren. Für viele sind solche Bilder wie von einem anderen Kontinent: Die Natur  unberührter, die Menschen stiller und mehr in sich ruhend. Mehr Person als Pose, vielleicht ein wenig steif, dafür aber noch unberührt von lärmenden Bildbotschaften und Auftrittsstandards der Medienwelt. Wovon sprechen diese Aufnahmen mehr? Von einer ehemals lebendigen Gegenwart oder vom Vergehen?

Fotografien sind janusköpfig. Sie sollen den Augenblick festhalten, der für Fotografierende und Fotografierte eine besondere Bedeutung besitzt. Sie sollen die Anwesenheit von Menschen an einem speziellen Ort, ihr Aussehen, ihr Befinden in einer bestimmten Situation und Lebensphase belegen. Im Rückspiegel aber dokumentieren sie, dass das Leben in seinem Fluss die einzelnen Menschen, ihre persönliche Welten und die ihnen vertrauten Orte hinter sich gelassen hat.

Fotografie stemmt sich gegen Vergessen und Vergehen und macht doch mit jedem Bild das Absterben eines Augenblicks sinnfällig: Was fotografiert worden ist, ist schon nicht mehr. Darüber kann auch keine nostalgische Patina hinweg täuschen. Der Ausschnitt aus dem Zeitfluss ist künstlich und vergeblich: der Augenblick lässt sich nicht einschweißen. Ereignet er sich, sind die Akteure zu sehr gegenwärtig, um dem Moment gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Ist er vergangen, wird er in der Rückschau mit Bedeutung angelagert, die erst von nachfolgenden Perspektiven und Gedanken aufgetürmt wurde.

Bevor Akkela Dienstbier auf die Fotografien vom Flohmarkt gestoßen ist, hat sie sich schon mit der Sammlung von Naturmaterialien und deren bildlich-objekthafter Präsentation beschäftigt. Sie lässt sich hierbei von Pflanzenformen inspirieren und vom visuellen Reiz des Sammelguts zu Mustern treiben. Sie trägt Samen, Blütenblätter oder Gräser zusammen, reiht und fächert sie in unterschiedlichen Formationen auf: in Linien, Spalten, Feldern. Blüten oder Samen sind wie archäologische Einzelfunde aufgereiht und neben den geschlossenen Pflanzenstand  gelegt. Die Anordnung dokumentiert Menge, aber auch Vielfalt. Die einzelnen Objekte sind sich ähnlich, aber nicht identisch. Sie verweisen auf eine gemeinsame Herkunft, einen gemeinsamen Bauplan, aber auch auf sich selbst. Sie entstammen dem gleichen Keim und Kern, bewegen sich aber doch nach einem individuellen Entwicklungsprinzip.

Die Elemente liegen nebeneinander und streben auseinander. Sie neigen verschiedenen Richtungen zu, manche tanzen aus der Reihe, fallen von der Linie, unter- oder überschreiten die Normgrößen. Die Künstlerin hat das Naturmaterial  häufig einzeln oder in Reihen und Blöcken mit Fäden auf Nessel befestigt. Sie geht bei der Strukturierung und Ordnung offenkundig behutsam vor. Die zerbrechlichen Objekte legen einen pfleglichen Stich nahe.

Akkela Dienstbier streut ihr Material, bindet es nicht zu statisch in Raster ein, sondern versucht, eine natürliche Spannung und Dynamik zu erhalten. Die Anordnung soll nicht fest, verfügend, abschließend sein, sondern möglichst auch noch Sammelfieber, Entdeckerlaune, Energie der Erstbegegnung, Ordnungslust bewahren. Die Anordnung soll zudem ermöglichen, das Fundmaterial immer wieder neu zu besichtigen.  Das Bewahrte wird schließlich auch bewegt von den Veränderungen des Betrachters.

Die Künstlerin schafft nicht nur Ordnung in den Funden, sondern auch im Ausdruck: Das Ideal von Klarheit und Unmittelbarkeit mittels Reduktion wird erkennbar. Mit möglichst wenig möglichst viel sagen. Dem wenigen mehr Achtsamkeit schenken, durchaus eine zeitgemäße Strategie.

In den hier ausgestellten Arbeiten sind nun Fotografien und Naturfunde auf den gleichen Bildträger gebracht und treten so in Beziehung zueinander. In ihrem Triptychon „In The Beginning“ hat die Künstlerin Eschensamen und Robinie mit Fäden fixiert und Fotos von Kindern unter Transparentpapier über die Samenreihe gesetzt. Zahl und Anordnung der Samen scheinen Bildinhalt und -gestalt aufzugreifen und zu variieren. Doch nicht nur die Aufreihung der Kinder für den Fotografen spiegelt sind in der Samenfolge, auch über deren Beziehung zueinander lässt sich mit den pflanzlichen Stellvertretern nachdenken.

Über die formalen Parallelen hinaus ist auch eine thematische Verknüpfung evident.  Mensch und Natur sind hier auf dem Weg. Viele Werktitel benennen diesen Motivkreis: „Blühende Tage“, „Weiter Weg“, „Unterwegs“, „Noch träume ich“, „Gerade“.  Die Fotografien lassen erkennen, dass die Anfänge lange Vergangenheit sind. Die Kinder auf diesen Fotos haben ihr Leben inzwischen hinter sich. Dabei deuten die Reihen der Samen, als formaler Wink auch die freie Linien auf Fortsetzung hin. Objekte und Abbildungen als Spuren von Wachstum und Biografie verweisen auf den Kreislauf des Lebens, aber auch auf Belebung durch Erinnerung. Auf Nessel genäht, gewinnt das Erinnern einen geradezu zärtlichen, das Festhalten des Flüchtigen und Verflossenen einen greifbaren Materialcharakter.

In ihren jüngsten Arbeiten verwendet Akkela Dienstbier ein besonderes Verfahren der Oberflächenbehandlung, das gleichermaßen künstlerisch gesehen wie auch konservatorisch verstanden werden kann. Außerdem macht die Künstlerin mit dem festen, dabei aber transparenten Verschluss ihrer Sammlungsfunde das Archivieren  sichtbar und selbst zum Thema. In mehreren Schritten und Schichten werden Kunstharz, Glasfaser, die Naturmaterialien oder Fotografien wahlweise auf Papier oder Stoff übereinander gelegt und miteinander verschweißt. Papier oder Stoff bleiben mal neutrales Trägermaterial, mal sprechen sie als farbige Kulisse mit. Auch wenn die Samen und Blätter durch Trocknen und Bügeln für den Einschluss präpariert werden, um eine Blasenbildung zu vermeiden, bleiben die Reibungen zwischen den Stoffen und Schichten, somit auch zwischen den verschiedenen Bildebenen erkennbar.

Die Künstlerin setzt neue Technologie und synthetische Materialien ein, die in einem Spannungsverhältnis zu den aufbewahrten Dingen stehen. Der Kontrast ist Konzept: Künstlichkeit und Natürlichkeit, Technologie und natürliches Wachstum stehen sich hier gegenüber. Natur trifft allerdings auf eine künstliche Stofflichkeit und technische Fertigung, die im Dienste der Ökologie stehen. Der Kunststoff wird für den Bau von Windkraftanlagen verwendet. Die künstliche Oberfläche der Bildobjekte könnte ebenso als Wink verstanden werden, dass es mit der Beschwörung von Naturdynamik und beschaulicher Historie nicht getan ist, dass der Mensch folgenschwer Hand angelegt hat an der Lebenswelt und nun auch seine bewahrende Aktivität unverzichtbar ist.

Themen und Technik verweisen auf eine Werkintention, die sich im Ausstellungstitel „Zeitschaukel“ mitteilt: auf eine Pendelbewegung zwischen verschiedenen Polen. Über vergilbte Kinderfotos und braune Blätter reicht die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Was schwingt aus der Vergangenheit mit? Aber auch: Was nimmt die Pendelbewegung mit in das Vergangene? Der Betrachter lässt sein Interesse, seine Aufmerksamkeit für Geschehenes in der Welt des Rückspiegels zurück. Wachsen und Vergehen, Erinnern und Vergessen, Einlagern und Hervorholen, im Heute mit dem Gestern leben – das sind Themen des Sammelns.

Ebenso erzählen uns Akkela Dienstbiers Arbeiten etwas von Kategorien des Zusammenhalts, vom Ort des Einzelnen in der Menge und Zeitenfolge. Aufheben – im übrigen ein Wort mit einer interessanten Doppelbedeutung – versucht nicht nur Dinge festzuhalten, sondern bündelt auch Empfindungen und Haltungen. Jede Sammlung ist eine Visitenkarte und letztlich ein Gesprächsangebot. Sammeln, selbst das verborgenste, ist auf Resonanz, im weitesten Sinne auf Öffentlichkeit angelegt, auf einen Pendelschlag zwischen der Sammlerin/Künstlerin und einem Publikum. Auch diese Ausstellung versteht sich nicht als abgeschlossene Lagerstätte, sondern als eine diskursive Plattform.



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