Galerie Am Schwarzen Meer, Tilman Rothermel, 2015

Akkela Dienstbier nennt ihre Ausstellung geordnete Naturdinge. Oder wie auf der Preisliste zu sehen „geordnete Naturstücke“.

Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, dass hier Ordnung herrscht. Man könnte denken es ist die Ordnung einer Sammlerin, die, wie man das bei Briefmarken machen kann, sehr genau, jedes Exemplar an seinen ganz bestimmten Platz stellt, um ja alles wieder zu finden oder um es nicht aus den Augen zu verlieren. Ich habe eine sehr genaue Erinnerung an das Naturkundemuseum in Prag, welches ich vor zig- Jahren besucht habe, und wo es Säle-weise Auslagen und Schubladen gab, die mit den herrlichsten kleinen Naturwundern – geordnet und beschriftet – gefüllt waren, aber derartig unermesslich viele, dass einem ganz schwindelig wurde.

Also ist das hier eine Ordnung des Archivars?

Lassen Sie mich erst noch ein bisschen von Akkela Dienstbier erzählen:

Akkela gibt – wie sich das gehört – ihr Geburtsdatum nicht preis, aber sie ist irgendwann in den Sechzigern in Erlangen geboren und studierte dann wie Kuhnert so an die 10 Jahre. Zuerst Kunstgeschichte und Psychologie, dann Kunst in Ottersberg.

Seit 1992 hat sie ihr Atelier in Bremen und wie aus ihrer Internetseite zu entnehmen, stellt sie seit etlichen Jahren im In- und Ausland aus. Schon seit früh auf ist sie fasziniert von den ungeheuer reizvollen kleinen Naturereignissen: Samen, Blüten, Blätter und Stengel, immer wieder kreist ihre Phantasie um diese pflanzlichen Objekte, die in der freien Natur gleichermaßen wie auf einer Wildblumenwiese gerade wie es ihnen beliebt durcheinander wachsen. Und dennoch: jede Pflanze für sich birgt in sich ein großes Maß an Ordnung und Genauigkeit.

Für mich selbst war es außerordentlich erstaunlich, als ich begriff, dass z.B. bei Getreidehalmen die nach oben hin neu wieder austreibenden Blätter immer in einem Verhältnis im goldenen Schnitt aus dem Stängel heraus wachsen, einem Verhältnis, das wir auch bei unseren Fingerknochen wiederfinden, denn deren Längen sind auch im goldenen Schnitt proportioniert. Das ist nur ein kleines Beispiel von Maß und Zahl, wie man es in der Natur vorfinden kann.

Und diese inhärente Ordnung, ist auch dafür Grund genug, diese Ordnung nicht pedantisch auf das tatsächliche Erscheinungsbild zu beziehen, ganz nach dem Spruch: wer die Form beherrscht kann sie getrost negieren… Also: die Natur kommt uns eigentlich eher ungeordnet, ja fast chaotisch entgegen, unser menschlicher Versuch – und das ist ja auch der Beginn der Geometrie – alles auszumessen einzukasteln, einzuzäunen, ja, eben wieder den Lattenzaun drum herum zu ziehen, all das ist Ausdruck unseres verworrenen Bedürfnisses, die Natur zähmen zu wollen. Wer so viel Ordnung in sich birgt, wie die Natur, braucht sich nicht zähmen zu lassen. Und da kann man vielleicht auch sagen „Gott sei Dank“.

Ich denke, Dienstbier will in ihrer Kunst so etwas zum Ausdruck bringen.

Akkela Dienstbier sammelt Naturphänomene, oder Naturdinge, um es einfacher zu sagen, Hagebutten, Silberdisteln, Sonnenblumen, Clematis, Mohn, und ganz viel mehr, sie bringt auch von ihren Reisen alles was sie findet mit und inzwischen – wie sie mir erzählt hat – bringen auch Freunde ihr von ihren Reisen alles mögliche mit. Sie hat so einen reichen Fundus an Naturmaterialien.

Mit denen spielt sie, meditiert sie, philosophiert sie. Man kann sich das lebhaft vorstellen, wie sie diese wundervollen kleinen Kunstwerke zusammenfügt, mal diese Ordnung auswählt, dann eine andere, bis sie das richtige gefunden hat, um dem Naturgegenstand – ich möchte fast sagen – Ehre zu erweisen. Wenn man solche Dinge in der Hand hat, liebe Gäste, kann man sich vorstellen, wie man plötzlich  genau hinsieht, sich überraschen lässt von der Vielfalt der Formen, von dem Maß und der Ordnung, die in dem kleinen unscheinbaren Gegenstand liegt.

Und dann die Entscheidung: wie präsentiere ich das? Akkela Dienstbier hat sich entschieden, diese Naturelemente ganz streng auf einem Bildträger zu präsentieren. Eigentlich nicht zu präsentieren sondern sich der Dinge zu vergewissern. Was Dienstbier macht ist nicht die Natur in ein Ordnungsschema zu pressen, es ist wie auch die leichten dünnen Fäden andeuten, eher ein scheuer Versuch dies ungeheuer große und fast unvorstellbare Vielfalt wahrnehmbar zu machen.

Ordnung ist unser menschliches Problem, Wir müssen Ordnung halten, damit wir nicht aus dem Ruder laufen. Die Natur selbst braucht keine Ordnung, sie hat Struktur. Dienstbier zeigt uns mit der Anordnung, die sie trifft, welche Strukturen die Natur in sich trägt. Struktur kommt von lateinisch ’struere‘ „bauen“, „aufschichten“, also einer Tätigkeit, die einem inneren Gesetz folgt, Gleichgewicht, Statik, sind dabei die Grundbedingungen. – Und wie sind wir zur Zeit dabei, als Menschen das Gleichgewicht der Natur zu zerstören.

Akkela Dienstbier spricht von Aufmerksamkeit, Achtung und Anerkennung, was man den Naturdingen gegenüber aufbringen muss. Ihre fast meditative Ordnung, die sie in ihren Objekten herstellt, fordern dazu auf.

Ich habe jetzt ganz viel über die Schönheiten der Naturdinge gesagt, die Akkela für uns sichtbar macht. Aber was ist ihre Arbeit als Künstlerin?

Stellen Sie sich vor, sie müssten ein Portrait einer bekannten Person malen. Da müssten sie auch dieser Person es so recht wie möglich machen, sie müssten die Person ganz genau kennenlernen, sie studieren, ihre Eigenschaften erfassen, um daraus in geeigneter Weise dann ein Bild zu erschaffen, was sich der Person ganz hingibt. Also eigentlich macht Dienstbier genau das: mit großer Sensibilität und Mitgefühl zeigt sie die Besonderheiten, die Eigenheiten ihrer Naturobjekte, eigentlich könnte man behaupten all diese Bilder seien Naturportraits. keine Stillleben, keine Pflanzenstücke wie bei Dürer, sondern ganz ehrliche unprätentiöse Portraits. Und da spielt auch der Hintergrund eine große Rolle: Die Farbe versucht dem Charakter der Pflanze entgegen zu kommen, sie ins rechte Licht zu rücken, schauen sie, liebe Gäste, mal diese kleinen Mutterkräutlein an, dort unten!

 

2015 Tilman Rothermel

Galerie Am Schwarzen Meer



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